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ANSCHLÜSSEL LONDON/BERLIN A survey selected by Andrew Hewish, Centre for Recent Drawing 09.09.11 - 17.12.11

Aus Berlin EVA & ADELE, Frank Badur, Irina Baschlakow, Helen Cho, Nadine Fecht, Marc Gröszer, Bertram Hasenauer, Björn Hegardt, Olav Christopher Jenssen, Paco Knöller, Ulrich Kochinke, Takehito Koganezawa + Yusuke Oya, Astrid Köppe, Valentin Emil Lubberger, Kazuki Nakahara, Mark Lammert, Corinne Laroche, Fiene Scharp, Hanns Schimansky, Andreas Schmid, Dennis Scholl, Chiyoko Szlavnics, Heidi Sill, Viktor Timofeev, Jorinde Voigt

Aus London Maxime Angel, Daphne Warburg Astor, Frank Auerbach, Peter Blake, Scott Blaser, Kirsty Buchanan, George Charman, David Connearn, Maryclare Foá, Nick Fox, Joe Graham, Takayuki Hara, Claude Heath, Andrew Hewish, David Hockney, Károly Keserü, Paul Kindersley, David Murphy, Thomas Qualmann, Frances Richardson, Giulia Ricci, Danny Rolph, Gordon Shrigley, Bob and Roberta Smith, Kate Terry, Annabel Tilley, Virginia Verran

ANSCHLÜSSEL LONDON/BERLIN Dieser Überblick, den Andrew Hewish vom Londoner C4RD unternommen hat, versucht Dynamik und Tiefe der Zeichnungsproduktionen in London und Berlin zu präsentieren. Die hier versammelten über 50 Künstler - von Hochschulabsolventen bis hin zu absolut etablierten Größen - teilen ein gemeinsames Verständnis von der Vielschichtigkeit zeichnerischer Werte. Spekulativ, verknüpfend, spielerisch, Verbindungen sichtbar machend, wo immer eine Linie hinführen mag. Vergleicht man beide Metropolen, stößt man auf ähnlich polyglotte Einwohner. Hier wie dort arbeiten Künstler aus aller Welt mit einer ähnlichen Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, die den Austausch von Ideen und Formen in einer globalisierten Welt reflektieren.

Es tauchen einige Resonanzen in dieser Ausstellung auf - manche auf lokaler Ebene, die meisten werden aber von beiden Städten geteilt. Die Popästhetik der Arbeiten von Blake, Rolph, Angel, Tilley aus London findet sich unter anderem auch bei EVA + ADELE. Das Private und Emblematische der Arbeiten von Nakahara, Hasenauer, Cho, Köppe, und Fecht aus Berlin hat ihr Echo bei Hara. Andere Gleichklänge finden sich eher in einem weiteren Sinne in den formalen Untersuchungen von Badur, Ricci, Schmid, Shrigley, Szlavnics, Terry, Connearn, Qualmann, Keserü und Scharp. Die Vitalität von Text bei Smith, Lammert, Kochinke und Kindersley; Das freie und erforschende Spiel von Schimannsky, Foá, Knöller, Murphy, Lubberger and Astor; Die hermetischen Welten und Zeichen bei Gröszer, Baschlalow, Hegardt, Timofeev und Verran; Die Problematik der Geste bei Richardson, Laroche, Auerbach, Hewish, Jenssen, Fox, Blaser, Scharp, Sill und Charman; und nicht zuletzt die technischen Experimente von Hockney, Koganezawa und Heath.

Die Zeichnung, und darin unterscheidet sie sich nicht von anderen gegenwärtigen Kunstformen, vollendet sich in der Betrachtung. In dieser Vollendung liegt jedoch eine besondere Form des Komplexitätsfilters. In einer Ära der Kunst, in der ein starker Fokus auf das endgültige Resultat gelegt wird - egal ob es sich um ein Produkt, eindeutige Sinnhaftigkeit oder um ein Bild handelt- bietet die Zeichnung dem Betrachter eine anregende Alternative. Die Zeichnung bringt ihre ganz eigenen komplexen und disparaten historischen Bedeutungen mit sich, die alle zur Anerkennung des Werkes als Zeichnung dienen. Es ist dieser besondere Komplex von Bedeutungen und Fragen, dem sich zeichnende Künstler in ihrer täglichen Praxis ausgesetzt sehen.

Man assoziiert mit der Zeichnung Fragilität oder Gesten des Augenblicks, die genauso gut flüchtige Ideen sein können wie Spuren auf dem Papier. Sie lässt an Zeit denken, kann auf Verknüpfungen aufbauen, auf Punkten im Raum oder auf dem Papier, die in der Vollendung des Werkes notwendigerweise miteinander verbunden sind, Punkte, die Geschichten erschaffen, Wege, oder Formen.

Man assoziiert mit ihr das Innenleben des Künstlers seine Leidenschaften und Absichten, die man in Systemen oder Prozessen zusammenfassen kann. Sie betreibt ein subtiles Ausbalancieren von Bewusstsein, Technik und Zeichengrund. Entlang der Linien sind wir mit der Aufmerksamkeit des Künstlers verbunden. Oft schließt die Zeichnung direkt den Körper des Künstlers mit ein, indem sie Bewegungen nachspürt, und dem Betrachter direktem Zugang gestattet zur Aufzeichnung ihrer eigenen Herstellung.

Sie liebt ihre eigene Materialität, sie kann auf spektakuläre Weise unsere Sicht stimulieren, sie kann Informationen graphisch darstellen, Sprache schreiben, Phasen von Entwicklung darstellen oder auch lyrische Sprünge der Vorstellungskraft, sie kann den Raum der Vorstellung formulieren oder den beobachteten Raum protokollieren. Sie kann sich auf die eigene visuelle Sprache beziehen, dabei verschiedene Traditionen ineinander mischen, um neue Bedeutungen zu erschaffen.

Sie ist eine Imaginationsübung in der Linie.






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ABDELKADER BENCHAMMA - BRUITS DE FOND 10.06.11 - 30.07.11

"Bruits de fond - (weißes) Rauschen ist die Bezeichnung für einen unsichtbaren Klang, der nur auf bestimmten Frequenzen hörbar ist. Gleichzeitig ist dies auch der Titel eines Buches von Don Dellilo, der das Leben in einer amerikanischen Durchschnittsstadt beschreibt, das vom Erscheinen einer schwarzer Wolke aus dem Gleichgewicht gebracht wird.



Die Wahrnehmung einer von Fehlinformationen und Gerüchten veränderten Wirklichkeit schafft ein Szenario, in dem Alles möglich scheint. Paul Valéry schrieb "Es gibt etwas, das falscher ist als falsch, und zwar die Kombination von wahr und falsch." Dieses Spiel zwischen dem Realen und seiner Repräsentation und den verschiedenen ko-existierenden Universen, eröffnet neue Wege, die in dieser Ausstellung verfolgt werden. Die Anwesenheit einer Reklametafel verweist auf die Artifizialität einiger Zeichnungen. Der Bildraum wird zur Bühne, auf der Wahrheit und Lüge in ihrer komplexen Verstrickung nicht mehr voneinander zu trennen sind.
Auf der formalen Ebene lässt sich beobachten, dass diese Zeichnungen bildhafter sind. Mit Tusche und Pinsel realisiert und sehr detailliert ausgearbeitet erweitern sie die graphischen Mittel. Die Aufwändigkeit der Herstellung, die Verwendung des Schwarz, die Dichte der Formen - dies alles sind Elemente, die dazu dienen den Blick des Betrachters zu bannen und gleichzeitig das Gesehene in Frage zu stellen.



Die Zeichnung wird hier auch zur Metapher des schöpferischen Prozesses oder der Ausarbeitung des Werkes selbst, in dem sie Elemente zitiert, die auf Baustellen zu finden sind: Gerüste, Ziegelsteine, Blöcke. Anderseits tauchen mysteriöse Formen auf, die dynamisch und im Flusse begriffen wirken. Im Kontrast zur Präzision der Zeichnungen sind dieses Formen schwer zu erschliessen. Sie verwandeln sich in autonome Elemente und spielen mit den Eigenschaften des Schwarz und seiner Fähigkeit Farben zu erzeugen. Einige der größeren Arbeiten, die den Titel "Skulpturen" tragen, sind ausschließlich in schwarzem Filzstift ausgeführt und zeigen überraschende Formen, deren Ursprung nicht eindeutig definierbar ist: geologische, skulpturale oder digitale Strukturen.



Die Wandzeichnung in der Ausstellung spielt mit dem Raum und präsentiert eine neue Form des Arbeitens vor Ort. Oftmals sind die Wandarbeiten genauso präzise und detailliert wie die Arbeiten auf Papier. Die Zeichnung entsteht direkt und ohne jede Projektion oder Vorzeichnung auf der Wand. Trotz ihrer feinteiligen und präzisen Struktur bewahrt sie auch immer ihren flüchtigen Charakter und ist immer im Werden begriffen als ein dynamisches Objekt der Transformation."




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THOMAS MÜLLER – NEUE ARBEITEN 15.04.11 – 03.06.11

Wir freuen uns, die dritte Einzelausstellung des in Stuttgart lebenden Künstler Thomas Müller zu präsentieren. Als ausschließlich zeichnender Künstler nimmt Thomas Müller eine prominente Position in diesem Medium ein: seine Arbeiten wurden schon in den 90er Jahren im New Yorker Drawing Centre gezeigt, waren in den wichtigsten Zeichnungsausstellungen der letzten Jahre, wie z.B. der großen Bonner Überblicksschau des IFA „Linea, Linie, Line“ zu sehen und sind in zahlreichen wichtigen deutschen und internationalen Sammlungen präsent, wie z.B. der Kunsthalle Hamburg, Pinakothek der Moderne München, dem Kupferstichkabinett Berlin oder dem Centre Pompidou in Paris. 2010 war Müller für den renommierten „Prix de dessin contemporain“ der Fondation Guerlain nominiert.

Müllers Arbeiten erforschen Substanz und Wesen der Zeichnung und des Zeichenprozesses, der sich als Strich oder Spur auf dem Papier materialisiert, wobei die Linie hierbei nicht abbildet oder beschreibt sondern ganz im Gegenteilselbst zum Motiv und Gegenstand wird . Mit einer immensen Bandbreite an Materialen wie Kreide, Tusche, Öl- und Acrylfarbe, Kugelschreiber, Farbstiften und dem Bleistift erkundet er den Bildraum, füllt ihn partiell mit sparsamen Setzungen oder in dichten rhythmisierten Geflechten und wellenartigen Strukturen, die wie Ausschnitte aus einem unendlichen Kontinuum erscheinen.

Müllers Zeichnungen, die seit Jahren im kleinen wie im großen Format entstehen, folgen einem stetigen Fluss der Produktion, sind immer auch Reaktionen auf vorherige Arbeiten, Permutationen, Abwandlungen von Motiven und polare Antworten auf bereits Formuliertes. Sie sind polylinear im Sinne verschiedener Entwicklungslinien, die er parallel verfolgt und die sich gegenseitig befruchten können, aber auch abstoßen wie zwei starke Magnetfelder.

Müllers Arbeiten könnte man auch als Poetologie oder Grammatik der Zeichenkunst beschreiben. Die Analogie zur Sprache mag an Wittgensteins berühmtes Diktum aus dem „Tractatus Logico-Philosophicus“ erinnern. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (Tractatus 5.6)

Es liegt ein neue Publikation vor, die in Zusammenarbeit mit dem Londoner Centre for recent drawings entstanden ist.




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ULRICH KOCHINKE – L’ÉCOLE SANS DIEU 11.03.11 – 08.04.11

Wir freuen uns in der Ausstellung L’ÉCOLE SANS DIEU neue Arbeiten des in Berlin lebenden Künstlers Ulrich Kochinke zu präsentieren. Es ist unsere zweite Einzelschau mit ihm. Die großformatigen, kraftvollen Zeichnungen unterscheiden sich formal deutlich von seinen bisherigen, sehr reduzierten Werken, doch bei eingehender Betrachtung erkennt man Übereinstimmungen von Konzepten und Inhalten, die hier durch eine neue Handschrift umgesetzt werden.

Die fast lebensgroßen Bleistiftzeichnungen treten einem ausdruckstark und kontrastreich gegenüber. Thematisch und motivisch beziehen sich die Bilder auf die unterschiedlichsten Epochen, Genres und Medien. Sie zitieren gleichermaßen die gegenwärtige Populärkultur, wie historische Bilder und christliche Ikonographie. In einem dem Sampling ähnlichen Prozess des eklektischen Zusammenfügens von Bildern unseres kollektiven Gedächtnisses werden hierbei mehrere Ebenen ineinander verschränkt - optisch wie inhaltlich. Kochinke kombiniert und konfrontiert weltliche Themen mit religiösen Motiven, das Heilige mit dem Profanen. Embleme aus der Skater-Szene, Comicfiguren, Logos und Schriftelemente treffen auf eine Welt der Spiritualität.

Die dynamische, expressive Manier der Zeichnungen lässt an Erinnerungen und Eindrücke denken, die sich in die Netzhaut eingebrannt haben, wie eine einverleibte Ikonographie. In einer Welt der frei flottierenden Zeichen stellt sich die Frage nach der Natur visueller Kodierungen immer wider aufs neue: Mitten in diesem Feld der mehrfachkodierten Bilder untersucht Kochinke das konfliktgeladene Gegensatzpaar Glauben – weltliche Ordnung und Interessiert sich – komplett ironiefrei - für deren aktuelle Relevanz. Wie mögen universelle und gar existentielle Fragen und Bedürfnisse hier ausgehandelt werden? Hierbei treffen Institution und Religion auf die Welt der trivialen Unterhaltung und des Konsums.

Ulrich Kochinke kombiniert und collagiert Abbildungen und Symbole und vollzieht eine osmotische Durchdringung der zunächst gegensätzlich erscheinenden Motive. Im veränderten Kontext werden die Motive neu beleuchtet, womit sich auch die Frage nach heutigen Werten stellt.




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LINES FICTION. Zeichnung und Animation 29.01.11 – 26.02.11

Simon Faithfull (GB)
Katrin Ströbel (D)
Serge Onnen (F/NL)
Karen Yasinsky (USA)
Per Dybvig (NO)
Bettina Munk (D)

kuratiert von Bettina Munk

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www.lines-fiction.de


Die Zeichnung hat vor allen anderen bildnerischen Ausdrucksformen eine große, beinahe anarchistische Freiheit. Wo Malerei sich bei jedem Pinselstrich auf Vorbilder oder auf eine neue große Geste berufen muss, kann die Zeichnung im Stillen alles für sich behaupten. Sie schafft mit einfachen Mitteln eine innere Bewegung, die sie nicht zu rechtfertigen braucht. Mal Skizze auf einer Papierserviette, mal Konzept für ein Gedankengebäude, kann die Zeichnung auch selbständig werden, schließlich auf nichts verweisen als auf sich selbst und dabei ein komplexes Kunstwerk entstehen lassen.

Die Verbindung zum Film liegt auf den ersten Blick nahe. In einfachen Abläufen skizziert man mit der Hand das Filmprojekt als Konzept, und schon ab 1906 entstanden die ersten Zeichentrickfilme.
Auch freie Zeichnungen wurden in dieser Anfangszeit durch Stop-Motion-Technik zu bewegten Bildern und zum künstlerischen Inhalt eines Filmes: 1919 vereinte der Dadaist und Experimentalfilmer Viking Eggeling 5000 Zeichnungen zu einem beeindruckend abstrakten Horizontal-Vertikal-Orchester. Gleichzeitig nahm der Trickfilm durch die Filmindustrie eine andere Richtung: in den Studios von Walt Disney wurden die Zeichnungen zum Material, dem Storyboard
folgend lieferte eine ganze Crew von talentierten anonymen Zeichnern Tausende von Bewegungsskizzen. Noch seltener als beim Comic auf Papier, der nach seiner Erlösung aus der Schmuddelecke als Graphic Novel Anerkennung findet, werden Trickfilmsequenzen als selbstständige Zeichnungen gewürdigt. Bis heute bleiben für Animator/innen die Zeichenposen und In-Betweens lediglich Material für ihre Filme. Nur in Ausnahmefällen bekommt die Zeichnung als besonderer Filmstill einen eigenen Wert.

In unserem Projekt werden Zeichner/innen vorgestellt, die ihre Zeichnungen als gleichwertig zu ihren Animationen verstehen. Wir zeigen, wie sich beide Medien gegenseitig inspirieren und ergänzen. Die Ausstellung schließt eine Lücke in der zeitgenössischen Rezeption der Zeichnung. Es gibt nicht nur die traditionelle Zeichnung auf Papier und ihre Überwindung in den Raum hinein. Es gibt auch die Zeichnung in Medien, die in Relation zueinander existieren. Die Zeichnung auf Papier und die Zeichnung im Film sind komplementäre Pole, die aufeinander nicht verzichten können. Die Papierarbeit ist gewissermaßen die analoge Formulierung des Gedankens/Konzepts, der Animationsfilm die digitale Ausgestaltung des Gedankens, seine Verlebendigung. Die Kunst der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft trifft sich in der Verbindung dieser beiden so verschiedenen Medien, sie findet ihren adäquaten zeitgenössischen Ausdruck. Sie ist vital und veränderungsfähig, offen für die Zukunft, mit einer soliden Basis im Zeichnen und damit im Denken.




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The Drawing Lab presents NACH STRICH UND FADEN 14.01.11 – 31.01.11

Ort: Atelier im 2. Stock (über der Galerie fruehsorge)
Heidestrasse 46-52, Berlin 10557

 Michaela Melián, Tracey Emin, Anila Rubiku, Motoko Dobashi, Matthias Männer, Carola Bark, Fred Sandback, Jeongmoon Choi, Christof Zwiener

Genäht, gestickt, gestanzt: Die Ausstellung Nach Strich und Faden untersucht, wie die Linie in unterschiedlichster Textur und Materialität gattungsübergreifende Verbindungen schafft zwischen Zeichnung, Skulptur und Installation. Seit je her diente die Zeichnung als unerlässlicher Schritt der Konzepterarbeitung – als Symbol der Ideenschöpfung manifestiert sich in ihr ein elementarer Teil der Bildenden Kunst. Doch über die Funktion der Skizze hinaus impliziert die Zeichnung als künstlerisches Ausdrucksmittel bei vielen zeitgenössischen Künstlern ein stetes Streben danach, die Grenzen des Mediums immer wieder neu definieren und ausloten zu wollen. Die Expansionsbestrebungen der Zeichnung haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass nicht nur die klassische Form der Zeichnung auf Papier sondern ein erweitertes Ideenpotential der Linie im Fokus des Interesses steht. Denn Linien existieren als zentrale Elemente des zeichnerischen Ausdrucks auf der planen Fläche ebenso wie im dreidimensionalen Raum, wo sie zu Volumen schaffenden Vektoren zwischen zwei Punkten werden. Nach Strich und Faden beleuchtet die verschiedenen Aspekte und Techniken des Mediums an Hand von neun ausgewählten künstlerischen Positionen. Das breite Spektrum dieser Positionen verdeutlicht die schier unendlich scheinende Vielfalt der zeitgenössischen Zeichnung.

Geschichte und Topografie sind die zwei zentralen Prämissen im Werk der bildenden Künstlerin und Musikerin Michaela Melián (1956). In der Ausstellung werden ihre genähten Zeichnungen zu sehe sein, deren Grundmotive Melián mit der Fotokamera aufnimmt. Die Fotografien werden in Zeichnungen übertragen, greifen dabei aber nicht auf den konventionellen Zeichenstift sondern auf die Nähmaschine zurück. Die durchgehende Maschinennaht entwirft die Silhouetten von Landschaften, Gebäuden und Straßen. Da mit Ober- und Unterfaden genäht wird, besitzen die Bilder zwei Seiten. Viele Orte haben in Deutschland angesichts des historischen Erbes schließlich auch häufig eine Schau- und eine verdeckte Seite.

Tracey Emin (geb. 1976) beschäftigt sich in ihren vielfach autobiografisch motivierten Werken mit Sexualität, Drogen oder anderen Leidenschaften. Nicht nur in ihren bekannten Arbeiten „My Bed“ und „Everyone I Have Slept With“ spielen textile Materialien eine wichtige Rolle. So waren in der großen Retrospektive im Kunstmuseum Bern von 2009 u.a. fahnengroße, mit Parolen verzierte Teppich-Stickereien zu sehen.

Die albanische Künstlerin Anila Rubiku (geb. 1970) zeigt ihre Serie „sewn memories“. Die Stickereien auf Papier hängen immer paarweise als Diptychon. Aber nicht nur formal, sondern auch inhaltlich ergibt sich eine zweiteilige Konstellation. Jeweils eine Arbeit zeigt eine realistische Raumsituation ohne Personal, deren unmittelbarer Fokus auf der Zimmereinrichtung liegt. Die jeweils andere Arbeit gibt eine oder mehrere Figuren wieder, deren Körperlichkeit jedoch dekonstruiert wird und im Ungegenständlichen mündet. Traum und Wirklichkeit, Erinnerung und Fiktion verschwimmen somit in der Dualität von Gegenständlichkeit und fragmentierter Abstraktion.

Motoko Dobashi (geb. 1976) kombiniert in ihren Zeichnungen und Gemälden Bildelemente der traditionellen japanischen Grafik und der altmeisterlichen, europäischen Malerei. Gleichzeitig sucht sie inhaltliche und formale Referenzen in der modernen Alltagskunst, die sie Comics und der Street Art entlehnt. Ihre narrativen, gegenständlichen Szenen spielen mit Raumillusionen und kommen mit einer gedämpften Farbigkeit aus, die die magische Erzählsprache der Künstlerin potenziert.

In Matthias Männers (geb. 1976) aktuellen raumgreifenden Installationen wiederholt sich das Element des schwarzen Kabels. Einzeln oder in Bündeln docken sie an seinen dreidimensionalen Plastiken an, die im Raum stehen oder sich aus der Wand hervorschälen.  Die schwarzen Kabel kontrastieren stark mit den weißen Flächen der Phantasiegebilde. Die dreidimensionale Zusammensetzung der Styrodur-Flächen wird durch die Linearität der Kabel, die zur Decke oder am Boden entlang führen, wirkungsvoll ergänzt.

Carola Bark (geb. 1965) entwirft ihre Gitterstrukturen sowohl auf flächigen Bildträgern als auch im Raum. Papier und Pappe bzw. Boden und Wände überzieht die Künstlerin mit einem grafischen Liniengeflecht aus Graphit, Klebeband, Faden und Gummikordel. Seit den „Interventionen“ im öffentlichen Raum, bei denen Barke zwischen 2001 und 2004 Hausfassaden und Litfasssäulen mit Klebeband schmückte, dient ihr neben der Musik besonders die Architektur als Inspirationsquelle ihrer Bildfindungen. Die vormals reduzierte Farbigkeit der Linienmuster hat sich in den letzten Jahren um leuchtende Farben erweitert.

Fred Sandback (1994-2003) verstand sich selbst als Bildhauer. Statt mit Stein arbeitete er allerdings mit einem unendlich leichterem Material: mit farbigen Acrylfäden. Minimal statt monumental sind sodann auch die Ergebnisse seiner raumbezogenen Arbeiten – und immer sind sie begehbar, denn der Künstler verstand sie als „Zeichnung, die man bewohnen kann“. Die gleiche Unmittelbarkeit kennzeichnet Sandbacks Linolschnitte und Lithographien, die in der Ausstellung als Editionen zu sehen sind.

Die Südkoreanerin Jeongmoon Choi (geb. 1966) zeigt ihre raumgreifende Arbeit „Fass ohne Boden“. Fünfzehn, aus Wolle gewickelte Gefäße ohne Boden schweben hier zwischen Decke und Boden in der Vertikalen. Blau, gelb, rot, schwarz und weiß sind die Wollfäden, die an die Farben des koreanischen Traditionsgewands Hanbok erinnern. Referenzgeber der Form ist das traditionelle Onggi-Gefäß. Asiatische Tradition und westliche Kunst treffen in einer Rauminstallation zusammen, deren Titel sich sowohl auf eine deutsche als auch eine koreanische Redewendung bezieht.

Christof Zwiener (geb. 1972) vermisst reale und fiktive Räume mit Garn. Mittels Netzstrukturen und Fadenlängen generiert er perspektivische Szenarien, die auftauschen und wieder verschwinden und darin ideell von Baudelaires „Aspekt des Flüchtigen“ gekennzeichnet sind. In Nach Strich und Faden wird er Arbeiten zeigen, die sich dekonstruierend mit Fred Sandbacks Grafikeditionen und Fadenarbeiten auseinandersetzen.
Text: Verena Bader, M.A. | www.wortbad.de

the drawing lab eine Kooperation von Dina4 Projekte, München und fruehsorge contemporary drawings, Berlin the drawing lab ist eine Plattform für die Entwicklung, Erforschung und Präsentation des Mediums Zeichnung.



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